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Es ist nun 15 Tage her, dass mir meine zystische Veränderung in der Brust entfernt wurde. Ich sitze im Warteraum des Brustzentrums. Die Ärztin holt mich ab und führt mich in ihr Zimmer. Ihr ist nichts anzumerken. Ich studiere ihr Gesicht aber der Befund ist in keiner Geste oder Mimik zu erkennen.

Ich setze mich auf ihr Sofa während sie sich die Unterlagen vom Schreibtisch holt. Sie nimmt behutsam neben mir Platz: „Ich setze mich mal zu Ihnen auf die Couch“. Mir wird mulmig. Warum will sie sich neben mich setzen? Sie hat doch einen eigenen Stuhl am Tisch. Muss sie mich gleich auffangen? Während ihr Blick weiterhin starr auf die Unterlagen vor sich gerichtet ist, fährt sie seufzend fort: „Oh man, das ist jedes Mal so schwer…“ Und da dämmert es mir! Plötzlich geht in meinem Kopf alles ganz schnell. Diese Worte sind wie ein Startschuss für meine Emotionen. Als ob ich die letzten Tage nichts anderes geahnt hätte aber noch auf den zündenden Satz der Gewissheit gewartet hätte um endlich weinen zu können. Während die Ärztin weiterspricht und sie das Wort „bösartig“ in den Mund nimmt, schießen mir bereits bitterlich die Tränen aus den Augen. Sie erzählt weiter, dass es ein Sarkom sei. Mir ist diese Art von Tumor bekannt, aber nicht, wie selten das beim Menschen vorkommt. „Und noch viel seltener ist so ein Tumor in der Brust vorzufinden“, berichtet die Ärztin weiter. Ich höre das und zwar alles aber im Kopf kommt das überhaupt nicht mehr richtig an. Mir ist nur klar: Ich habe Krebs – egal wie… Die Ärztin reicht mir ein Taschentuch und legt mir die Hand auf meine Schulter, sichtlich betroffen. Sie hält inne, lässt mich den Brocken erst einmal schlucken.

Nach einer Weile beruhige ich mich etwas. Wissend, dass der Krebs wohl kaum von allein weggehen wird und nun Handeln angesagt ist, frage ich: „Und, wie gehen wir nun vor? Was machen wir?“. „Wir müssen Ihnen schnellstmöglich die ganze Brust abnehmen.“ Oh Gott… die zweite Sturzflut der Tränen bricht über mich hinein. Darauf war ich nicht vorbereitet. Aber wenn es nötig ist… dieses Vertrauen habe ich in diesem Augenblick einfach.

Ich stelle überhaupt nichts von ihrem geplanten Vorgehen in Frage. Während die Tränen langsam aufgebraucht sind, ich aber immer noch wie benommen auf der Couch sitze, ist die Ärztin so lieb und managt telefonisch die nun in den nächsten Tagen anstehenden Termine für Skelettszintigraphie, CT und Operation. Da ich weder im Stande bin mir etwas zu notieren, geschweige denn etwas zu merken, notiert mir die Ärztin alles übersichtlich auf einem Zettel.

Als unser Gespräch beendet ist und sie mich nach Hause schicken möchte, bemerkt sie, dass ich ohne Begleitung da bin: „Schaffen Sie es allein?“. Ich nicke: „Ja, geht schon…“. Mir wird klar, dass ich diesen ganzen Batzen zunächst allein verdauen möchte und auch muss. Bevor ich den nächsten damit belaste, muss ich selbst erst einmal wieder einen klaren Gedanken fassen.

Vor dem Heimweg muss ich noch kurz ins Gebäude nebenan um mir einen Überweisungsschein abzuholen. Dort in der Praxis angekommen, stehe ich bei der Anmeldung. Vor mir in der Warteschlange eine Dame Mitte 40, die gleich recht fürsorglich von einer Schwester umsorgt wird: „Wie geht es Ihnen denn heute, Frau S.?“. Man kennt sich offenbar schon… Ich denke nur: So lieb werde ich demnächst wohl auch begrüßt, wenn ich ab heute zum Stammgast werde. Ich bin an der Reihe. Ich trete vor die Anmeldung. Die Schwestern sind zum Glück schon über mein Erscheinen informiert und so brauche ich nur noch meinen Namen sagen. Als sie meinen Überweisungsschein ausfüllen wollen, scheitern sie jedoch an meiner Diagnose. Bis zum heutigen Tag musste wohl noch niemand bei Diagnose den ICD-Code für Mammasarkom eingeben. Das Zeichen für Mammakarzinom können sie wahrscheinlich schon im Schlaf. Aber dies hier stellt sie offenbar vor eine ungeahnte Herausforderung. Und so suchen sie sich dumm und dämlich nach dem richtigen ICD-Code für meine Diagnose. Ich stehe da und weiß gar nicht wohin mit mir. Ich möchte laut schreien: „Ja, ich hab’s ja kapiert! Der Scheiß-Tumor ist so selten, dass es noch nicht einmal einen Code dafür gibt! Ich hab’s kapiert!“. Als ob ich den Jackpot geknackt hätte. Es kommt mir beinahe vor wie eine Inszenierung. Als ob die Schwester gleich ihre Maske abnimmt, darunter Frank Elstner zum Vorschein kommt und fragt: „Verstehen Sie Spaß?!“. Nein! Meine Nerven liegen blank! Sie finden eine Lösung des Problems, ich nehme den Schein entgegen und bin froh, dass ich endlich gehen darf.

Dann stehe ich auf der Straße und gehe mit kleinen, roten Augen gen Straßenbahn-haltestelle. Jetzt wird es wohl Zeit, dass ich meinen Freund anrufe. Ich wähle seine Nummer, das Telefon klingelt, er nimmt ab. Ich kann kaum ein Wort rausbringen und fange an zu weinen. „Ist es das, was ich denke?“ Unter schluchzen brachte ich ein „Ja“ heraus. „Ich komme sofort nach Hause!“ Ich lege wieder auf.

Die Fahrt nach Hause kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Da sitze ich, in der Bahn, von den anderen kaum wahrgenommen. Jeder ist – wie immer – mit sich selbst beschäftigt. Ich beobachte die Menschen um mich herum mit gesenktem Blick. Ich bin überrascht, wie sie so einfach mit ihrem Alltag fortfahren können… fühle ich mich selbst doch gerade so, als ob alles stehen geblieben wäre. Ich komme mir vor, als ob ich ein Schild mit der Aufschrift „Krebspatient“ um den Hals tragen würde und ich deshalb ein wenig Ruhe und Betroffenheit ihrerseits erwarten dürfte. Aber sie wissen ja von nichts. Auf sie wirke ich wie eine „Normale“. Auf der Hinfahrt zum Krankenhaus war ich das auch noch. Nun – auf dem Weg zurück nach Hause – bin ich eine „Normale mit Krebs“. So schnell kann das gehen.

Ohne Umschweife wird mir klar wie brutal der Rest der Welt ist: Alles würde sich trotzdem weiterdrehen – zur Not eben auch ohne mich. Ich komme mir plötzlich so nutzlos und unbedeutend vor. Diese Menschen hier in der Bahn würden mich nicht vermissen. Keiner von denen reicht mir die Hand. Keiner bittet mich aufzustehen und nach vorn zu schauen. Die Menschen überlassen mir die Wahl und ich muss ganz allein entscheiden, ob ich weiter mitmachen oder aus dem Gefüge aussteigen möchte. Ich möchte weiter mitmachen! Für den Moment stehe ich und zwar nur neben dem Karussell und schaue zu wie es sich weiterdreht… ich hoffe aber, mich eines Tages wieder mitdrehen zu können.