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Heute habe ich endlich meinen Termin bei den angeblichen Spezialisten. Ich betrete das Krankenhaus und laufe den langen Gang entlang bis sich vor meinen Augen ein Schild auftut. Auf dieser Tafel werden verschiedene medizinische Disziplinen aufgelistet – darunter auch mein Bereich: Sarkomzentrum. Ich stehe vor dieser Anzeigetafel und starre das Wort an. Und während es mich mit all seiner Tiefe durchdringt, muss ich schlucken, weil mir plötzlich klar wird: Hier gehöre ich tatsächlich her! Und ich dachte immer, dass ein Brustzentrum für mich die richtige Anlaufstelle wäre…

Ich folge dem angezeigten Pfeil auf dem Schild und lande in einer riesigen Wartehalle, wo unzählige Menschen durcheinander hin und her laufen… darunter natürlich viele Patienten, von denen die Mehrheit Krebspatienten zu sein scheint. Der Eindruck einer typischen Krankenhaus-Massenabfertigung macht sich breit, in der persönliche Schicksale und Intimität keinen Platz mehr finden. Die verschiedenen Bereiche sind zwar auszumachen aber räumlich nicht klar voneinander abgegrenzt. Nach Klärung der Formalitäten an der Anmeldetheke setze ich mich und warte. Gemessen daran wie stiefmütterlich die Sarkomecke gegenüber den anderen Bereichen wirkt, begreife ich zum ersten Mal wie selten meine Krebserkrankung wirklich ist.

Die Halle ist nach oben hin über alle Etagen offen und wird letztlich bedeckt von einem großen Glasdach. Ich kann in alle Stationen blicken, die auf den Stockwerken über mir verteilt sind. Die Patienten, die dort mit oder ohne Infusionsständer durch die Flure laufen oder mit ihrem Besuch im Aufenthaltsbereich sitzen… sie alle kann ich sehen und sie alle können mich sehen. Ich traue mich kaum zu ihnen hochzuschauen – möchte ja keinen anstarren. Aus meiner Sicht haben diese Menschen ein Recht auf Privatsphäre. Hier aber werden sie gar zur Schau gestellt – schön finde ich das nicht!

Irgendwann kommt eine Ärztin auf mich zu, stellt sich vor und bittet mich in ihr Zimmer. Nachdem wir in ihrem Behandlungszimmer Platz genommen haben, schießt es ohne Umschweife und langsames Heranführen sofort aus ihr heraus: „Wir müssen sofort mit der Chemotherapie anfangen!“. Ich bin wie schockgefroren. Völlig entsetzt entgegne ich: „Was? Wie bitte?!“. Die Ärztin fährt fort: „Ihre OP war Anfang Dezember, richtig? Dann müssen wir jetzt schleunigst beginnen. Es ist schon viel zu viel Zeit verstrichen…“. Ich sitze immer noch total geplättet da. Nun schaut mich auch die Ärztin sehr verwundert an: „Ich verstehe nicht… hat man Ihnen das nicht im vorherigen Krankenhaus angekündigt?“. Da sitzen wir nun – einer irritierter als der andere… Woher sollten die anderen Ärzte das denn wissen? Deshalb haben die mich doch hierher geschickt! Statt dankbar scheint die Ärztin verärgert zu sein, dass man mich nicht früher überwiesen hat. Irgendwie finde ich diese Situation gerade ziemlich abartig. Und die Stimmung ist dementsprechend total im Arsch!

Was nun folgt, ist ein Überzeugungsakt seitens der Ärztin. Zur weiteren Unterstützung holt sie den Oberarzt dazu. Der kommt ebenfalls schnell zur Sache: „Ihr Tumor war über 5 cm groß und hatte die höchste Aggressivitätsstufe. Damit ist die Chance, dass er bereits gestreut hat, sehr groß! Vielleicht müssen wir Sie danach sogar noch bestrahlen. Wenn Sie meine Cousine wären, würde ich Ihnen die Therapie dringend ans Herz legen“. Nach dem Schema „Wenn Sie die Chemo nicht machen, dann…“ redet er mir schön subtil ein schlechtes Gewissen ein. Wenn er ahnen würde, wie sehr ich ihn dafür verachte! Und sein Plan geht natürlich prima auf!

Mein Gefühlszustand lässt sich gerade nur sehr schwer beschreiben. Es ist ja nicht so, dass ich den Ärzten nicht glauben würde… im Gegenteil. Sie sind die Experten und haben ihre Erfahrungswerte. Wenn ich ihnen nicht vertraue, wem dann?! Was mir aber deutlich missfällt, ist die Art und Weise wie mir das Ganze hier serviert wird.

Kurzum: Natürlich willige ich in die Chemotherapie ein. Gleichzeitig bin ich aber entsetzt wie wenig es den beiden Ärzten gelingt, mir sowohl mit Fein- als auch Mitgefühl zu begegnen. Dabei schneidet der Oberarzt mit seiner gewissen Portion an Arroganz noch deutlich schlechter ab. In Anbetracht der langen Zeit, die mir hier nun bevorsteht, ist das ein denkbar ungünstiger Start.