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Es ist der Tag vor Beginn der Chemotherapie. Ich sitze bei meinen Eltern am Frühstückstisch und alle starren schweigend ihre eigene Scheibe Toast an. Obwohl sie wissen, wozu die Chemo notwendig ist, hat jeder natürlich seine eigene Sicht auf die Dinge. Während mein Papi sich ausschließlich auf positive Gedanken bettet („Dann ist wirklich jede böse Zelle vernichtet!“), kann meine Mami immer noch nicht verstehen, warum man ihrer Tochter so etwas Grauenhaftes „antut“.

Da ich wegen einiger Voruntersuchungen bereits heute im Hotel Sarkomstation einchecken muss, begleitet mich meine Mama ins Krankenhaus. Als wir den Sprechstundenbereich des Sarkomzentrums betreten, wird sie beim Anblick der anderen Patienten fast ohnmächtig: „Oh Gott! Da sitzen sie ja schon – die ganzen Glatzköpfe!“. Ja… schonend wird hier einem nichts beigebracht. Das habe ich auch nicht erwartet. Wer aber etwas sensibler konstituiert ist, erträgt das ganz sicher nur schwer.

Ich schäme mich fast dafür noch Haare zu haben. Dass ich ein „Neuling“ bin, kann ich so jedenfalls nicht verbergen. Es mag sich vielleicht seltsam anhören aber ich fühle mich in ihrer Gegenwart sofort wohl. Denn ich habe endlich das Gefühl, auf Menschen zu treffen, die mich verstehen. Auch wenn ich mit keinem ins Gespräch komme, wirken sie alle sehr nett und vor allem bescheiden auf mich. Kein Wunder… auch ihre kleine Welt wird sich – wie die meine – gerade etwas langsamer drehen. Ich beobachte die anderen Patienten neugierig und hege bereits tiefe Bewunderung dafür wie sie das alle meistern. Eine junge Dame in meinem Alter sitzt auch dort und macht einen unglaublich aufgeklärten und selbstbewussten Eindruck. Irgendwie erinnert sie mich an… mich!

Ich werde aufgerufen. Erst muss ich ein paar Unterlagen ausfüllen, danach folgen Blutdruckmessung und Temperaturcheck. Schließlich darf ich der Schwester meinen Arm hinhalten damit sie mir eine Braunüle – also einen klitzekleinen Schlauch – in die Vene legt. Sie zapft sich gleich ein wenig Blut ab, was bei meinem niedrigen Blutdruck bedeutet, sich kurz auf ihre Liege zu legen… Ein Gläschen Wasser später schickt sie mich mit meiner Krankenmappe auf die Station. Schon komisch mit so einer dicken Akte herumzulaufen. Dass eine einzige Krankheit so ein Papieraufkommen hervorrufen kann, ist schon erstaunlich. Jedenfalls komme ich mir vor wie ein alter Mensch mit tausend Gebrechen.

Wir betreten die Sarkomstation und die Schonungslosigkeit nimmt ihren Lauf. Zu den Glatzen gesellen sich nun Ständer, an denen unzählige Dinge hängen. Und in der Tat könnten alle Patienten einen kleinen, nein besser einen größeren Tupfer Rouge auf den Wangen vertragen… Mir ist klar, dass ich allerspätestens beim nächsten Zyklus genauso aussehen werde. Und dennoch empfinde ich größeres Bedauern für sie als für mich selbst.

Ich melde mich beim Personal und bekomme sogleich ein Zimmer zugewiesen. Allerdings scheint es den Pflegern größtes Unbehagen zu bereiten, mich zu dem auserwählten Raum zu geleiten. Dort angekommen, wird sofort klar warum. Meine Bettnachbarn sind zwei Damen, die das Zimmer mit unangenehmen Gerüchen füllen, sich offenbar die größte Mühe geben, alles zu verwüsten und auch sonst keinen Anstand oder gar Feingefühl mitzubringen scheinen. Dass ich mir mit diesen Leuten ein Zimmer teilen soll, verkraftet meine Mutter nicht und bricht gegenüber den Pflegern fast zusammen. Immerhin hinterlässt das einen so starken Eindruck, dass sofort Betten und Tische verrückt werden und ich so letztlich zu einem Einzelzimmer komme.

Während ich mich häuslich einrichte, kommt in regelmäßigen Abständen ein neuer Pfleger ins Zimmer und stellt sich vor. Gemessen an der langen Zeit, die ich hier verbringen werde, bemühe ich mich, mir schnell die Namen und Gesichter zu merken. Währenddessen hoffe ich nichts sehnlicher als irgendwie mit allen klar zu kommen… vielleicht auch mal ein nettes Wort zu wechseln… Denn ich werde durch die Nebenwirkungen der Therapie genügend Probleme haben. Wenn dann auch noch das Personal zum Ärgernis würde, könnte ich das nicht ertragen! Bisher machen aber alle einen liebevollen Eindruck. Auch meine Mami kommt mir irgendwann entgegen und schwärmt von einer kleinen, quirligen Schwester mit offenbar sehr markantem lilafarbenen Lippenstift und knallig rot gefärbten Haaren: „Die fetzt! Die wird dir bestimmt gefallen!“.

Ich versuche mir vorzustellen, wie das sein muss, wenn man den ganzen Tag auf einer Krebsstation arbeitet. Man könnte meinen, dass sie kaum noch etwas erschüttert. Ich merke aber mindestens jedem zweiten Pfleger das tief empfundene und ehrliche Mitleid an, wenn sie auf meinen Zettel schauen und mein Geburtsjahr sehen. Besonders diejenigen, die ein Kind im gleichen Alter haben, holt die Realität dann schneller ein als es ihnen lieb ist.

Ab Mittag geht die Tortur dann los. Erst zum MRT… hier wird’s richtig interessant! Denn eine der Schwestern ist offenbar davon überzeugt, meine Krankheit besser zu kennen als ich. Als ich ihr davon erzähle, dass ich ein Sarkom hätte, schüttelt sie den Kopf: „Nein, nein… wenn das Ding in Ihrer Brust wuchs, dann nennt man das ein Karzinom. Sarkome wachsen nur in den Knochen bzw. den Gliedmaßen.“ Ich starre die Dame fassungslos an: „Also erstens können Sie mir durchaus zutrauen, dass ich mich mit meiner eigenen Erkrankung auskenne und zweitens würde ich ganz sicher nicht von der Sarkomstation kommen, wenn ich ein Karzinom hätte!“. Ich weiß nicht, ob es an meinem Tonfall liegt oder dem Blick, der sie fast auffrisst… in jedem Fall geht sie ohne ein weiteres Wort zu sagen aus dem Raum. Auch danach spricht sie mich nicht noch einmal darauf an… auch nicht, um sich zu entschuldigen. So was Dämliches! Als ob ich nicht schon genügend Probleme hätte, muss ich mich nun auch noch mit Besserwissern duellieren. Ich könnt echt kotzen!

Dann geht’s zum CT. Wie schon beim ersten Mal, wird mir auch hier ein Kontrastmittel verabreicht. Und genau wie damals drängelt sich wieder eine der möglichen Nebenwirkungen besonders stark auf: Das unmittelbare Wärmegefühl. Für jemanden wie mich, der ständig kalte Hände und Füße hat, grenzt das fast an ein Naturschauspiel! Wirklich beängstigend daran ist aber, dass es auch im Schritt unglaublich warm wird… und nein, mit Erotik hat das ganz und gar nichts zu tun! Denn es fühlt sich leider so an, als ob man sich in die Hosen macht. Kaum sind die Aufnahmen fertig, stehe ich auf und taste kurz meinen Hintern und die Liege im entsprechenden Bereich ab – puh, alles trocken! 🙂

Dann muss ich einen Lungenfunktionstest absolvieren. Ich setze mich also in eine Telefonzelle aus Glas, lass mir eine Wäscheklammer auf die Nase setzen und soll mit all meiner mir vorhandenen Kraft in einen Schlauch ausatmen. Während ich den letzten Atem aus meiner Lunge presse und das Gefühl habe blau anzulaufen, sagt die Schwester tatsächlich zu mir: „Na los, da geht noch was!“. Was denkt die denn?! Dass ich erst zwei Probedurchläufe mache?! Natürlich wird der zweite Versuch nicht besser und sie muss sich mit dem arrangieren, was sie hat… willkommen im Club!

Im Laufe des Nachmittags besucht mich noch die Ärztin, die mir vor sechs Tagen die frohe Botschaft der bevorstehenden Chemo verkündete. Heute sind wir schon sehr viel mehr auf einer Augenhöhe als noch letzte Woche. Und auch ihr Bekenntnis, dass sie sich genauso entschieden hätte wie ich im Puncto Kinderwunschvorsorge macht sie mir gleich etwas sympathischer. Sie klärt mich über den Port auf, der mir morgen früh operativ eingesetzt wird. Dazu bedarf es zumindest auch einer lokalen Betäubung – also muss ich zu guter Letzt auch noch die Anästhesistin besuchen. Die sitzt vor mir und schaut seufzend auf mein Geburtsjahr: „Oh man, warum brauchen SIE denn einen Port?!“. Sie scheint ehrliches Mitleid zu empfinden. Allerdings kann ich ihrer Stimme nicht entnehmen, ob diese Frage tatsächlich ernst gemeint war oder einfach nur rhetorisch in Raum gestellt wurde. Ich erkläre ihr die Situation und gewinne dabei schnell den Eindruck, dass sie keine Ahnung hatte. Verdammt, kann die nicht meine Akte lesen BEVOR sie mich in ihr Zimmer ruft?!

Am Ende des Tages bin ich fix und alle. Trotzdem bleibt die große Anspannung und Nervosität vor dem morgigen Tag. Ich lasse mir also eine Pille zum Einschlafen geben und bin dankbar über deren gute Wirkung…