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Nachdem ich meine obligatorische Magenschutz-Tablette (Pantoprazol) geschluckt habe (kleiner Tipp: Die sollte man circa ½ bis 1 Stunde VOR dem Frühstück einnehmen, dann erfüllt sie auch ihren Zweck), kommt das Pflegepersonal in mein Zimmer gepoltert: „Wir müssen Sie in ein anderes Zimmer verlegen“. Aha.

Während ich völlig benebelt dastehe, packen die Schwestern mein ganzes Hab und Gut zusammen und marschieren im Eiltempo zum neuen Zimmer. Ich schalte meine kleine Reservebatterie an und schlürfe mit quietschenden Reifen langsam hinterher. Mein Schwindel ist echt zum wahnsinnig werden. Inzwischen ist auch die Übelkeit wieder da und aus irgendeinem unerklärlichen Grund muss ich ständig aufstoßen.

Nachdem ich gefühlt drei Jahrzehnte später mein Bett eingeholt habe, will ich mich eigentlich nur noch hinlegen. Dann steht die nächste Schwester vor mir: „Waren Sie heute schon auf der Waage?“. Grundgütiger! Wat für ein Stress!

In der Tat führt jeden Morgen und Abend ein kleiner Spaziergang in Richtung Waage. Da ist das Pflegepersonal ziemlich hartnäckig. Die Gewichtskontrolle ist bei einer Chemotherapie enorm wichtig. Denn wer zu stark abnimmt, kann die Therapie nicht fortführen. Im Augenblick achtet man aber eher darauf, dass ich nicht zunehme. Klingt erst mal komisch, hat aber seinen Grund. Wegen der Unmengen an Flüssigkeiten (egal ob giftig oder nicht) haben die Nieren nämlich einen unglaublichen Job zu leisten, da sie plötzlich pro Tag locker das Doppelte filtern müssen. Dieser Herausforderung sind sie nicht sofort gewachsen. Und so kommt es, dass man zunächst zunimmt statt ab, weil sich die ganze Flüssigkeit im Körper ansammelt. Auch ich verzeichnete in den ersten Tagen eine Gewichtszunahme von fast 2 kg, obwohl ich kaum noch etwas esse. Heute aber wandert der Zeiger auf der Waage wieder rückwärts. Die Organe haben sich demnach auf die neue Situation eingestellt und legen los. Würden die Nieren es nicht von allein schaffen, müsste man mit Entwässerungstabletten nachhelfen.

Dann werfe ich noch die Emend-Pille ein – angeblich der Porsche unter den Anti-Brech-Mitteln. Bei dem Aufgebot an sogenannten Antiemetika ist es schon ziemlich erstaunlich, dass einem dennoch übel ist. Der Gedanke daran, wie es also ohne diese Medikamente wäre, lässt mich ziemlich erschaudern.

Später schaut noch ein Arzt vorbei. Er mustert meine Amputationsnarbe, die am ersten Tag etwas sensibel auf den Chemo-Cocktail reagiert hatte. Inzwischen ist der Ausschlag aber verschwunden und der Arzt zufrieden.

Dann steht noch eine Blutentnahme an. Dank des Ports kann der Arzt sich direkt am großen Zapfhahn bedienen. Denn so wie die Chemo sonst darüber in den Körper hineinläuft, wird das Blut nun in die andere Richtung abgesaugt. Verglichen mit dem Zustand von vor vier Tagen hat die Therapie auch hier erste Spuren hinterlassen: Meine roten Blutkörperchen (Erythrozyten) haben schon deutlich abgenommen. In diesem Zusammenhang wird auch gern das Hämoglobin erwähnt – dabei handelt es sich um den roten Blutfarbstoff in den Erythrozyten, der den eingeatmeten Sauerstoff huckepack nimmt und ihn dorthin transportiert, wo er im Körper gebraucht wird. Weniger Hämoglobin bedeutet demnach, dass dem Körper weniger Sauerstoff zur Verfügung steht. Das erklärt, warum wir Chemo-Patienten solch eine enorme Energielosigkeit haben wie sie in der Tat kaum zu beschreiben ist.