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Gestern Morgen gab es den letzten Chemobeutel. Dann hatte ich den ersten Rutsch tatsächlich nach 5 Tagen geschafft! Leider fühlte es sich überhaupt nicht nach „geschafft“ an. Eher, als ob man mich mit einem LKW überfahren hätte… außerdem kann ich kaum von links nach rechts schauen, ohne dass mir unbeschreiblich schwindelig wird. Das häufige Aufstoßen ist daneben super harmlos.

Zu allem Übel bekam ich noch eine Bettnachbarin, die sich als absolut nervenkillend erwies. Aufgrund der spiegelglatten Straßen stapeln sich nämlich gerade die Knochenbrüche in der Rettungsstelle. Wegen Platzmangels mussten einige dieser Patienten auf andere Stationen verlegt werden. Und sie gehörte leider dazu! Die junge Dame ist derart unglücklich hingefallen, dass nun ein oder zwei Lendenwirbel angeknackst sind. Ich zweifelte nicht an den Schmerzen, die sie hatte… aber an ihrer Art und Weise wie sie sich als Opfer aufspielte. Sie jammerte unentwegt und schien fest daran zu glauben, dass die ganze Welt sie nur quälen will. Darüber hinaus war es ziemlich offensichtlich, dass sie es als größte Zumutung empfand, nun auch noch auf einer Krebsstation – zwischen den ganzen Halbtoten – liegen zu müssen. Die Andeutungen gegenüber ihrer Mutter waren in dieser Hinsicht ziemlich eindeutig. Ich fragte mich allerdings, für wen das hier die größere Zumutung war…! Als ich dann irgendwann ins Bad ging und sah, was für ein Ei ihre Tochter da in die Toilette gelegt hatte, wusste ich wirklich nicht, ob ich vor Wut gleich losheulen würde. Zumal man von einem Grundschulkind schon erwarten darf, dass es die Klospülung betätigen kann.

Heute Morgen wurde ich dann endlich von meinem Infusionsständer befreit. Als die Schwester allerdings die Portnadel entfernen wollte, erwies sich dies schwieriger als erwartet. Als sie die Nadel endlich in der Hand hatte, war diese tatsächlich nicht mehr gerade, sondern hatte einen üblen Knick. Die Schwester fragte ganz entsetzt: „Wer hat Ihnen denn den Port angestochen?!“. „Der Chirurg, der mir das Ding letzte Woche eingesetzt hat…“ Wir schauten uns beide tief in die Augen, zogen jeweils eine Augenbraue hoch und verstanden uns kommentarlos.

Dann zückte die Pflegerin noch eine hübsche Spritze aus dem Ärmel: „Damit kurbeln wir die Neubildung deiner weißen Blutkörperchen an. Zeig mal her das Bäuchlein!“. Gesagt getan. Während ich mein Shirt hochkrempelte, starrte sie auf das eingefallene Etwas und überlegte sich, wo sie die nötige Bauchfalte herkriegen sollte. Dann gab’s den Pieks. Ein wenig unangenehm war es schon. Aber was muss, das muss… Und nach ein paar Sekunden war es ja vorbei. Bäuchlein kurz gekrault, Shirt wieder runter und fertig.

Nun – wo ich von Schläuchen befreit war – entschied ich mich aufzustehen und mein Frühstück mal wieder am Tisch zu essen. Nachdem ich ein paar Happen runter hatte, wurde mir etwas mulmig. Ich schlürfte zum Bett zurück und legte mich hin. Ich hoffte noch, dass es vielleicht wieder besser wird… aber Irrtum. Ich schaffte es gerade noch, mich zur Seite zu lehnen, damit ich mich wenigstens nicht auf mein Bettzeug übergebe. So hing ich also seitlich an der Bettkante und schaute nach unten zum Fußboden auf mein Frühstück. Ich drückte den roten Knopf. Meine quirlige Schwester kam rein und ihr erster Kommentar: „Och Mensch… Kleene… du hast doch die ganze Woche so schön durchgehalten!“. Während ich wieder an einen Tropf Flüssigkeit mit einem Schuss Anti-Kotz-Mittel gehangen wurde, half mir die Schwester beim Zähneputzen. Die Übelkeit war zum Glück schnell gebannt – aber natürlich war ich fix und alle.

Ich wollte nur noch schlafen. Aber die blöde Kuh neben mir im Bett hatte derweil nichts Besseres zu tun als ihre unzähligen Telefonate zu erledigen. Es ging hauptsächlich um Arzttermine, die sie nun wegen ihres Krankenhausaufenthaltes absagen musste. Die Termine aber nur kurz und schmerzlos abzusagen, wäre offenbar zu viel verlangt gewesen. Stattdessen tischte sie jedem Zuhörer am anderen Ende der Leitung ihre unglaubliche Leidensgeschichte auf – wieder und wieder. Und das nicht zu knapp und vor allem: Nicht zu leise! Da denkt man sich: So groß können die Schmerzen wohl doch nicht sein! Nach dem gefühlten 10. Telefonat drehte ich mich zu ihr um: „Kannst du bitte aufhören zu telefonieren? Mir geht’s wirklich dreckig…“. Sie nickte und meinte leicht weinerlich: „Ok… aber diese Termine musste ich nun einfach mal absagen“. Du MUSST gar nichts…!, dachte ich nur. Ich glaube fast, dass sie von mir auch noch Verständnis für Ihre Situation erwartete. Ich war einfach zu schwach, um mich mit dieser Frau anzulegen. In Gedanken habe ich aber das Fenster geöffnet und sie samt Bett hinausgeworfen. Später kam glücklicherweise jemand, der sie auf ihre richtige Station verlegte, sodass ich endlich meine Ruhe hatte.

Jetzt habe ich eine neue Nachbarin, ebenfalls eine junge Dame Anfang 30. Offensichtlich ziemlich taff… zumindest ist der erste Eindruck sehr sympathisch. Vom äußeren Erscheinungsbild her würde ich sagen, dass die Familie türkische Wurzeln hat. Die Eltern sind jedenfalls extrem freundlich und fürsorglich – auch zu mir. Da stört es eben gar nicht, dass sie nur schlecht deutsch können… denn ein Lächeln und die entsprechende Gestik gibt das Notwendigste zum Ausdruck. Die junge Frau hingegen spricht perfekt unsere Sprache. Als sie mit mir allein ist, schaut sie mich an: „Chemo?“. Ich nicke. „Keine Angst, das schaffst du! Habe ich mit meinem Freund auch schon durch… Nur ein Rat: Wenn die Haare ausfallen, gleich weg damit!“. Ich lächle… nichts anderes hatte ich vor.

Ich merke sofort, dass sie meine Situation bestens nachvollziehen kann und sich dementsprechend umsichtig verhält. Wenn es mir nur ein wenig besser ginge, würde ich mich mehr mit ihr unterhalten. Als sie mit ihren Eltern dann runter ins Café geht, gönnt sich mein Körper jedenfalls das nächste Nickerchen.