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Nun ist es soweit – die Haare fallen aus.

Es mag manchem etwas komisch vorkommen aber ich freue mich fast darüber. Die ganze Woche stand ich schon vor dem Spiegel, zog immer wieder vorsichtig am Haar und nichts passierte. Bereits das Warten auf das Unvermeidbare empfand ich belastend. Ich hatte schon überlegt, mir selbst die Haare abzurasieren noch bevor sie selbst ausfallen würden. Die Frisur sah ohnehin nicht mehr so berauschend aus, da ich mir keine große Mühe mehr gab. ‚Die sind ja eh bald weg’, dachte ich. Und gestern ging es schließlich los. Bereits am Morgen tat mir der Haaransatz am Hinterkopf etwas weh. Am Abend bemerkte ich dann, dass die Haare beim Bürsten leichter ausgingen.

Nun stehe ich vor dem Spiegel und ein einfaches Durchgleiten der Finger lässt sie büschelweise auf den Boden fallen. Wie gut, dass ich heute meinen Termin im Perückenladen habe. Ich rufe dort an um nachzufragen, ob sie mit Schermaschinen ausgestattet seien – natürlich sind sie das. So muss ich immerhin nicht selbst Hand anlegen, sondern kann das getrost jemand anderem überlassen.

Meine Mami begleitet mich, da ich eine Zweitmeinung in Bezug auf die Perücke brauche. Die Dame des Ladens erwartet uns bereits. Sie schließt die Tür hinter uns ab, damit wir ungestört bleiben. Das finde ich extrem angenehm. Wie beim Friseur setze ich mich auf den Drehstuhl vor einen Spiegel und bekomme einen Umhang um den Hals. Meine Mami sitzt daneben, bewaffnet mit einem Taschentuch, bereit zum Tränenvergießen. Angst habe ich nicht – auch wenn ich weiß, welch großer Schritt das ist. Ich frage mich, wie die Situation wäre, wenn ich ohne Krankheit ganz allein entscheiden würde, mir eine Glatze zuzulegen. Wahrscheinlich wäre ich auch aufgeregt. Aber natürlich macht es einen Unterschied, ob man etwas aus eigenen Stücken tut oder ob der bittere Beigeschmack einer Ursache dahinter steckt – etwas, was eigentlich viel größer und schlimmer ist als der Haarverlust selbst. Weil es aber in den Köpfen der Menschen als fest verankertes Symbol für Krebs gilt… und weil man nicht mehr nur gesundheitlich angeschlagen ist, sondern sich nun auch optisch entstellt fühlt, kommt zum körperlichen Schmerz jetzt auch der seelische… Dass dieser Schritt bei vielen Betroffenen eine riesige Flut an Emotionen auslöst, wird durch die Frage der Ladeninhaberin verdeutlicht: „Soll ich den Spiegel abdecken?“

„Ach Quatsch!“ Ich bin taff genug (aber auch viel zu neugierig) und will deshalb alles sehen. Sie setzt die Schermaschine an und dann geht alles ganz schnell. Es dauert keine zwei Minuten und ich sitze mit rasiertem Kopf vor dem Spiegel. Ein wirklich ungewohnter Anblick. Und ich muss auch eine ganze Weile hinschauen um mein neues Ich anzunehmen. Es ist wie damals als ich das erste Mal meine Amputationsnarbe vor dem Spiegel betrachtete. Allerdings wächst das Haar nach überstandener Therapie wieder nach… Eine Tatsache, wegen der ich diese Situation sehr gut aushalten kann. Sogar Mama hat ihr Taschentuch nicht benötigt. Bei all den Therapiestrapazen ist der Haarverlust zumindest das Erste, was körperlich nicht weh tut. Dennoch macht diese Wesensveränderung natürlich irgendwas mit mir. Ich fühle mich wie abgestempelt und es ist, als ob ich nun endgültig in die „Rolle“ des Krebspatienten geschlüpft bin.

Wir probieren ein paar Perücken auf und die Richtige ist bald gefunden. Die Dame schnippelt noch ein wenig daran herum und fertig ist die neue Frisur. Allerdings habe ich sie erst einmal einpacken lassen. Ich wollte mich zunächst an mein neues, eigenes Ich gewöhnen bevor ich wieder die nächste Rolle aufgesetzt bekomme. Ich kuschle meinen Millimeter-Schnitt unter eine sehr angenehm weiche Mütze und dann betrete ich mit neuem Dasein die Außenwelt. Ich habe plötzlich das Gefühl, eingeschüchtert zu sein und laufe lieber mit gesenktem Kopf durch die Straßen. Sehen die anderen, dass ich keine Haare hab? Denken die, dass ich krank bin?… Ja, dieser Umgang will gelernt sein. Aber ich bin mir sicher, dass ich mit jedem Ausflug den aufrechten und selbstbewussten Gang wieder erlernen werde.

Zu Hause angekommen, bin ich ganz froh, erst einmal allein zu sein. Denn wie so oft brauche ich zunächst Zeit für mich. Gedanken müssen geordnet, Gefühle realisiert und Bedürfnisse erkannt werden. Und das alles in einem Tempo und mit einer Ruhe wie ich es gerade für nötig erachte.

Ich bemerke schnell, wie kalt es plötzlich am Kopf ist. Schon beeindruckend, wie warm die Haare einen normalerweise halten. Ich setze also auch daheim eine dünne Mütze auf oder stülpe mir die Kapuze meines Sweatshirts über.

Als mein Freund nach Hause kommt, bin ich natürlich auf seine Reaktion gespannt. Neugierig und aufgeschlossen kommt er auf mich zu, streift die Kapuze runter und begegnet mir mit seiner ihm innewohnenden Gelassenheit: „Nicht schlecht… !“. Im Prinzip wusste ich, dass ich mich diesbezüglich auf ihn verlassen kann… dass er die Glatze absolut nicht schlimm finden und auch nicht den Ansatz eines Dramas daraus machen würde. Aber solch ein Ereignis verursacht eben doch kleinere Risse in der eigenen Hülle. Und auch wenn diese wieder reparabel sind, so ist man zunächst einmal verwundbar. Und da kann es für das Gegenüber mitunter sehr schwer sein, die richtigen, aufbauenden Worte zu finden. Aber egal wie klein die liebevolle Geste dann sein mag… sie kann sich im Betroffenen ein Leben lang einbrennen. Und deshalb weiß ich schon heute, dass ich noch in einem Jahr davon schwärmen werde, wie locker er mit meiner Veränderung umgegangen ist. Wahrscheinlich werde ich mich auch sehr genau an jedes seiner Worte erinnern, während er sie nach einem Monat schon vergessen hat.

Fasziniert streicht er mir über den Kopf und macht mich damit sofort auf etwas aufmerksam, was mir bereits selbst aufgefallen ist. Da mir die Haare nur geschert wurden, ist natürlich ein kleiner Millimeter stehen geblieben. Diesen finde ich extrem lästig, weil er störrisch ist und überall unangenehm entlangkratzt. Ich frage meinen Freund, ob er bereit wäre, mit mir zusammen meinen Kopf zu rasieren. Er nickt. Wir sprühen eine ordentliche Portion Rasierschaum auf meinen Kopf und dann bewaffnet sich jeder mit einem Einmalrasierer. Ich schaue in den Spiegel und bearbeite die vorderste Front während er sich um meinen Hinterkopf kümmert. Schnell merken wir, dass das ein ziemlicher Akt ist, weil das Haar so dicht und hartnäckig ist. Mit einer Achselrasur kann man das in keinem Fall vergleichen. Schon bald kommen wir ins Schwitzen. Während ich wahrscheinlich relativ rabiat mit meinen Haaren zur Tat schreite, hat mein Freund ziemlich zu kämpfen – und zwar viel mehr mit sich selbst als mit meinem Haar. Denn das Gefühl von störrischen Haaren unter der Klinge auf der so zart und verletzlich anmutenden Kopfhaut ist alles andere als angenehm. Und natürlich will er mir nicht wehtun. Auf meine Frage hin, ob ich das lieber allein machen solle, schüttelt er aber den Kopf: „Nein nein, ich mach das schon.“

Es sind Augenblicke wie dieser, die einen ungemein zusammenschweißen!