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Inzwischen hat mich auch der letzte Funken an Energie verlassen. Mein Blutdruck gibt selbst dem Arzt einen Grund zum Scherzen: „Also Frau Wichmann, mit Ihrem Blutdruck würde ich hier schon lang auf dem Boden liegen!“. Normalerweise könnte ich darüber in diesem Zustand überhaupt nicht mehr lachen. Da der Arzt aber nicht nur kompetent ist, sondern sich auch mit allergrößter Fürsorge um seine Patienten kümmert und dabei sehr sympathisch ist, kann er mir zumindest ein Schmunzeln entlocken.

Zum Frühstück habe ich nicht mehr viel essen können. Und weil selbst das Kauen anstrengend ist, löffle ich lieber an meinem Babybrei. Die Übelkeit und extrem starkes Herzklopfen sind meine stetigen Begleiter. Die Schwester ist indes hellauf begeistert, dass ich ihre Frage nach erledigtem Stuhlgang mit einem Nicken beantworten kann. Es ist schon interessant, was manche Menschen so erfreut… Ich sehe aber ein, dass es unter dieser Therapie eine wichtige Frage ist, da der Magen-Darm-Trakt regelrecht zum Erliegen kommt.

Es ist schon erstaunlich. Noch vor ein paar Wochen stand ich selbst auf Arbeit im Labor und bin wissenschaftlichen Fragestellungen nachgegangen. Heute muss ich Aussagen zu meinem Stuhlgang tätigen, das Essen regelrecht in mich hineinquälen, einen Spaziergang nur in Begleitung unternehmen und mir versuchen zu merken, welches Datum wir gerade haben. Wir Menschen fühlen uns immer so stark und denken, dass wir alles im Griff haben. Pustekuchen! Wir sind viel verwundbarer als wir es uns eingestehen wollen.

Meine Zimmernachbarin bekommt gerade ihren täglichen Besuch von Mann und Kind. Sie muss ungefähr in meinem Alter sein. Ihr Tumor ist noch da – am Bein. Würde man ihn rausoperieren, würde sie die Funktion des Beins einbüßen müssen, weil wichtige Sehnen und Muskeln in Mitleidenschaft gezogen würden. Also versuchen die Ärzte es zunächst mit einer Chemotherapie. Um adäquat behandelt werden zu können, ist sie extra aus einem anderen Bundesland angereist. Von den Sarkomzentren gibt es in Deutschland nämlich leider nicht viele – zu selten ist unsere Erkrankung im Vergleich zu anderen Krebsarten. Ihr Mann wohnt in dieser Zeit mit dem Kind in einer nahe gelegenen Pension. Um seiner Frau zu helfen und sich um das Kind zu kümmern, hat er seinen Job kündigen müssen.

Das Kind kann gerade einmal Mama und Papa sagen und freut sich natürlich immer riesig über den Besuch bei Mama. Allerdings versteht die Kleine in ihrem zarten Alter natürlich überhaupt nicht, warum ihre Mutter immer im Krankenhaus bleiben muss und nicht mit nach Hause kommt. Beim Verabschieden ist das Weinen demnach vorprogrammiert. Kaum sind ihr Mann und das Kind dann weg, sitzt sie eine Weile im Bett und starrt die Wand an. Sie kämpft mit ihren Tränen, das spüre ich. In einem unserer Gespräche erzählt sie mir, dass sie immer nachts weint, wenn es keiner sieht. Ich sehe ihr an, wie sehr es sie schmerzt, für ihr Kind gerade nicht die gewünschte Mutter sein zu können und dass sie wegen ihrer Kraftlosigkeit Nein sagen muss, wenn das Kind gern mit ihr toben möchte. Dass ihr Sonnenschein noch zu klein ist um das alles zu verstehen, ist manchmal von Vorteil, manchmal aber auch von Nachteil und dann macht es die Sache zusätzlich kompliziert. Ich frage mich oft, was schlimmer ist: Ein Kind bereits zu haben um das man sich aber nicht angemessen kümmern kann… Oder noch kein Kind zu haben und sich somit auf die eigene Genesung konzentrieren zu können – dafür aber mit der Ungewissheit zu leben, dass durch die Therapie die Chance auf Familienplanung vertan ist. Wenn ich die Drei sehe, überlege ich natürlich automatisch, ob meine Entscheidung gegen die Konservierung meines Eierstocks vor Beginn der Therapie richtig war… komme aber zu dem Entschluss, dass ich es jederzeit wieder genauso machen würde.

Heute Abend waren die Pfleger so nett und haben für mich und die Drei Pizzen bestellt. Mein Hunger hielt sich natürlich in Grenzen aber es war eine schöne Abwechslung. Und außerdem ist das Kind gerade ein kleiner Seelenstreichler. Denn neben all den erwachsenen Gesichtern auf dieser Station, die nur Angst, Leid, Wut und Trauer ausstrahlen, sitzt sie völlig unbekümmert da, jauchzt, albert und grinst übers ganze Gesicht. Dadurch entlockt sie uns automatisch ein kleines Lächeln und ist somit für diesen kurzen Moment unser kleiner Held… auch wenn sie es selbst gar nicht weiß.